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Technologie- und Innovationsberatung

TIBAY – Die Beratungseinrichtung

Ob im Betrieb, in einer Einigungsstelle oder vor Gericht. Die Sachverständigen von TIBAY helfen Betriebs- und Personalräten bei einer Vielzahl von Problemen. Zusammen mit unseren Partnern des bundesweiten TBS-Netzes entwerfen die TIBAY-Experten Betriebs- und Dienstvereinbarungen, Gutachten oder Stellungnahmen. Damit Technologie sozialverträglich eingesetzt wird.

TIBAY: Fachtagung für Call- und Servicecenter ein voller Erfolg

Die Rückmeldungen der Teilnehmenden auf der Fachtagung für Call- und Servicecenter sind durchweg positiv. Auch die Veranstaltenden zeigen sich im Nachgang hochzufrieden.

 

Die letzten Namensschilder werden eingesammelt, die Teilnehmenden stehen vor der Eingangspforte der DGB Bildungsstätte in Hattingen und warten entspannt auf ihre Taxis. Drei Tage Impulsreferate, Workshops und Foren gehen zu Ende. „Diese Veranstaltung ist einzigartig und jedes Mal anders“, resümiert Frank Steinwender von der TBS-NRW. Der Technologieberater hat die Fachtagung 2018 maßgeblich mitorganisiert. Er habe großen Respekt davor, wenn sich Beschäftigte trotz hoher Fluktuation und anhaltender Repression immer wieder organisieren und auf der Fachtagung einfinden können. „Den technischen Wandel haben Callcenter früher zu spüren bekommen als andere. Und er entwickelt sich weiterhin rasant“, sagt Steinwender. „Unsere Fachtagung hat dazu beigetragen, dass die Interessenvertretungen am Ball bleiben, sich auf zukünftige Entwicklungen einstellen und ihre Mitbestimmungsrechte wahrnehmen können.“

Zufrieden zeigt sich auch Markus Nöthen, Bundesfachgruppenleiter von ver.di: „Ein wesentliches Moment der Fachtagung ist die Vernetzung der Interessenvertretungen.“ Gerade der Austausch über Erfahrungen, Betriebsvereinbarungen und Möglichkeiten der Mitbestimmungsgestaltung ist dem Gewerkschafter besonders wichtig. „Ich habe den Eindruck, das ist gut gelungen“, sagt Nöthen. Deutlich geworden sei aber auch, dass ver.di für die Beschäftigten in den Call- und Servicecentern bereitstehe. „Denn nur gemeinsam können wir etwas erreichen.“

Die Teilnehmenden zeichnen in einer Abschlussbefragung ebenfalls ein positives Bild. Nahezu alle der 70 Teilnehmeden sind mit der Fachtagung im Ganzen zufrieden oder sehr zufrieden. Vier sind geteilter Ansicht und eine Person war verhalten unzufrieden. Ein ähnliches Bild zeichnet sich bei der Einschätzung der Referentinnen und Referenten ab. Neben einer überwältigenden Mehrheit sehr Zufriedener sind sechs Teilnehmende nur tendenziell zufrieden – keine einziger unzufrieden. Analog ward die Themensetzung bewertet.

Keine Maßnahme ohne vernünftige Diagnostik

 

Prof. Dr. Jochen Prümper von der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin kritisiert am zweiten Tag der Fachtagung für Call- und Servicecenter die hohen psychischen Belastungen innerhalb der Branche: „Es gibt keine Branche, die mehr psychische Störungen bei den Beschäftigten produziert“, sagt Prümper – und belegt dies mit belastbaren Zahlen der AOK. „Es gibt auch keine Branche mit mehr Burnout-bedingten Ausfällen pro 100 Beschäftigten“, erklärt der Wirtschafts- und Rechtswissenschaftler. Als Gründe führt er unter anderem das Großraumbüro, Zeitdruck und einen hohen fremdbestimmter Arbeitsanteil an. Ein großes Problem ist laut Prümper auch die emotionale Dissonanz, die entsteht, wenn Beschäftigte Emotionen am Arbeitsplatz permanent vortäuschen müssen.

Prümper wirbt leidenschaftlich für eine ordentliche Gefährdungsbeurteilung: „Keine Maßnahme ohne vernünftige Diagnostik – und eine vernünftige Diagnostik ist eine vernünftige Gefährdungsbeurteilung“, sagt er. Leider werden in vielen Unternehmen keine Gefährdungsbeurteilungen bezüglich psychischer Belastungen gemacht, obwohl dies gesetzlich vorgeschrieben wäre, ergänzt Katrin Drews, TBS NRW.

Rege Diskussion zur Verhaltens- und Leistungskontrolle: „Die wollen uns brennen sehen“

Darüber hinaus wird auch in keiner Branche die Arbeitsleistung derartig vermessen wie in der Callcenter-Branche. Der Druck ist immens! Neben den technischen Möglichkeiten nutzen manche Unternehmen auch psychische Einschüchterungsmethoden, wie sie ansonsten in Gefängnissen eingesetzt werden. Ein Betriebsrat berichtet im Workshop beispielsweise davon, dass  Teamleiterinnen und Teamleiter bei ihnen auf erhöhten Podesten sitzen, um den Überwachungsdruck zu erhöhen. „Die wollen uns brennen sehen“, sagt er.

Betriebsräte haben die Möglichkeit, mithilfe der Mitbestimmung die Verhaltens- und Leistungskontrolle einzugrenzen. Allerdings: „Wenn die Verhaltens- und Leistungskontrolle zur Bewertung der Bonuszahlung genutzt wird, sind viele Beschäftigte leider häufig für Überwachung“, beklagt eine Betriebsrätin. Aufgrund niedriger Löhne sind viele in der Callcenter-Branche auf Bonuszahlungen angewiesen. Diese setzen eine Dokumentation bestimmter Leistungen voraus. „Die Beschäftigen haben gesagt, wir wollen das Geld! Es war knapp davor, dass sie dem Betriebsrat mit Knüppeln die Türe eingeschlagen haben“, berichtet eine andere Betriebsrätin.

Wenn für die Bemessung von Bonuszahlungen Leistungserfassung vorherrscht, dann sollte man diese jedenfalls genau definieren und stark begrenzen, rät Dr. Maike Pricelius der Beratungseinrichtung G.IBS. Letztendlich lasse sich das Thema auf die gewerkschaftliche Organisierung zurückführen, fasst ein Betriebsrat zusammen: „Der einzige Weg, das Thema Bonuszahlungen und damit die Leistungskontrolle vom Tisch zu bekommen, ist die gewerkschaftliche Organisierung.“

DGUV-Branchenregel: ein gutes Werkzeug

 

Anna Gabler im Gespräch mit Hansjörg Christoph

Hansjörg Christoph (Verwaltungs-Berufsgenossenschaft) ist Mitgestalter der DGUV-Regeln, die staatliche Arbeitsvorschriften und Normen zusammenfassen. Auf der Fachtagung für Betriebs- und Personalräte warb der Experte für das Regelwerk: „Arbeitgeber muss nur eine Broschüre in die Hand nehmen, dann kann er loslegen.“ Anna-Gabler (TBS Rheinland-Pfalz) bestätigt: „Wir nutzen die Branchenregel häufig in der Beratung.“ Da sich die DGUV-Regeln auf Gesetze stützen, sind sie auch für die juristischen Auseinandersetzungen geeignet. Allerdings wird die Branchenregel in Call- und Servicecentern leider noch zu wenig genutzt.

Christoph rät dazu, die Zusammenarbeit zwischen Betriebsräten und Fachkräften für Arbeitssicherheit zu verbessern. „Und man sollte sich mal ansehen, wie emsig dieser Mensch ist“, ergänzt der Gesundheitsexperte. Eine Betriebsrätin wirft ein: „Ich würde mir mal wünschen, dass mehr Kontrollen in den Betrieben stattfinden.“ Das Personal in diesem Bereich wird aufgestockt, erklärt Christoph. Allerdings seien es über 100.000 Unternehmen, die der VBW angehören. Die könne man nicht gerade mal eben alle kontrollieren.

Bis zum Cyber-Callcenter ist es noch ein langer Weg

 

Mario Daum (Input Consulting) und Max Thomsen (TBS NRW) sehen allerhand digitalen Wandel in Call- und Servicecentern. Aber von künstlicher Intelligenz sei noch nicht viel zu bemerken, sagen die Experten.

Durch das Workforce-Management und eine veränderte Arbeitsorganisation nehmen Arbeitsverdichtung, kurzfristige Arbeitseinsätze und häufige Aufgabenwechsel in den Telefonierstuben immer weiter zu, sagt Mario Daum. Viele Routine-Arbeiten können heute von IT-Systemen übernommen werden. Immer mehr Auskünfte holen sich Kunden selbst über Portale und Apps ab. Das führe laut Daum zu einer Substitution vieler Tätigkeitsfelder durch Maschinen. Auf der Seite „Job-Futuromat“ ließe sich bereits einen Eindruck gewinnen, ob die eigene Tätigkeit bereits von einer Maschine übernommen werden kann.

Skeptisch äußerte sich der Berater hinsichtlich der Entwicklung von künstlicher Intelligenz. „Ich habe sie gesucht, aber noch nicht viel künstliche Intelligenz angetroffen“, sagt Daum. „Auch die Chat-Bots waren häufig keine.“ Ähnlich äußerte sich Max Thomsen von der TBS NRW, dem gewerkschaftsnahen Beraternetzwerk. „Die Bots sind heute noch nicht so weit, wie sie immer dargestellt werden.“ Außerdem wünschten sich sehr viele Menschen den persönlichen Kontakt, so Thomsen.

Zur allgemeinen Leistungs- und Verhaltenskontrolle in Call- und Servicecentern hatte der TBS-Experte kritische Töne im Gepäck. „Die Menschen werden im Callcenter heute vermessen, mit welcher Durchschnittsgeschwindigkeit sie telefonieren usw.“, weil das technisch möglich sei. Darin erkennt Thomsen eine Renaissance der tayloristischen Betriebsordnung. „Obwohl bekannt ist, dass die tayloristische Ordnung nicht produktiver ist.“

Eine Online-Umfrage unter Teilnehmenden der Fachtagung hat indes ergeben, dass die überwiegende Mehrheit der Ansicht ist, digitale Arbeitsmittel erhöhten den Leistungsdruck und belasteten die Psyche. Eine Teilnehmerin bringt es mit den Worten auf den Punkt: „Lieber ein Programm nutzen anstatt zehn kleine Tools. Da kennst du nach fünf Stunden Arbeit deinen eigenen Namen nicht mehr.“

Fachtagung für Call- und Servicecenter ein voller Erfolg!

Mehr Teilnehmende als erwartet konnten heute auf der Fachtagung in den DGB-Seminarräumen in Hattingen begrüßt werden. Zu den Organisatoren zählten neben dem TBS-Netz und ver.di auch TIBAY aus München. Mit der organisatorischen Abwicklung der Fachtagung war das DGB Bildungswerk Bayern betraut.

Hier geht es zur Tagungswebsite.